Geschieden...? Wiederverheiratet?

Geschrieben von Fraen a Mammen Berdorf. Posted in 30 Jahre ACFL Berdorf

Ein möglicher Weg aus einer schmerzlichen Situation: der Ehenichtigkeitsprozess.

Die Action catholique féminie ist dem christlichen Menschenbild und der katholischen Familienlehre verpflichtet. Hält man Rückblick über die Entwicklung der Familie in den 30 Jahren seit der Gründung der Berdorfer Sektion der ACFL, so kommt man nicht umhin von der zunehmenden Brüchigkeit des ehelichen Lebensentwurfs zu sprechen. Nüchtern gesehen, kann man festhalten, dass das auf Lebensdauer angelegte "Projekt" der christlichen Ehe in einer tiefen Krise steckt. Sinn und Zweck dieses Artikels ist es den kirchlichen Ehenichtigkeitsprozess darzustellen, welcher den Weg zu einer erneuten kirchlichen Trauung eröffnen kann.

"In der Kirche gibt es keine Scheidung!", so ein oft gehörter Satz, selbst wenn schon mal in Nöten geratener Sechstklässler mir in der Religionsprüfung die Scheidung unter die sieben Sakramente gerechnet hat. Der zitierte Satz ist zwar richtig, jedoch ergânzungsbedürftig: "In der Kirche gibt es zwar keine Scheidung im zivilrechtlichen Sinn, aber eine Nichtigkeitserklärung". Der Unterschied liegt darin, dass bei der Scheidung das Scheitern der Ehe festgehalten wird, während bei der Nichtigkeitserklärung das Nicht-Bestehen der Ehe festgestellt wird. Der kirchliche Eheprozess untersucht, ob im Moment der kirchlichen Traunung überhaupt eine sakramentale Ehe zu Stande gekommen ist.

Ein zweites Vorurteil gilt es in diesem Hinblick auszuräumen: die Nichtigkeit einer Ehe hängt keineswegs nur von der Präsenz von Kindern ab, so als ob der Wille oder die Fähigkeit zur Annahme von Nachkommenschaft ipso facto schon ein Zeichen einer gültigen Ehe wäre. Anders ausgedrückt: eine Ehe kann trotz Präsenz von Kindern und trotz jahrelangen Zusammenlebens ungültig sein. Welches sind nun Gründe, die eine sakramentale Ehe verungültigen? Mann kann die Ehenichtigkeitsgründe in 3 Kategorien enteilen: Mängel im Bezug auf die Freiheit des Eheversprechens, Unfähigkeit der Person und willentliche Mängel des Eheversprechens.

Zu den Mängeln im Bezug auf die Freiheit des Eheversprechens sind zu rechnen: Eheschließung unter Zwang und Furcht (z. B. F. erwartet von M. ein Kind. F. heiratet M. nur weil ihre Mutter gedroht hat sich im Falle eines unehelichen Enkelkindes das Leben zu nehmen). Eheschließung unter Bedingung (z. B. "Ich heirate dich nur, wenn du nicht Mitglied jener Sekte bis/wirst!"), Irrtum in der Person oder in einer die Person identifizierenden Eigenschaft (F. heiratet M., weil sie in ihm den idealen Mann für die Erfüllung ihres Kinderwunsches sieht. Nach der Eheschließung stellt sich heraus, dass, M. steril ist.), die arglistige Täuschung ( F. heiratet M. weil dieser Ihr vorgegaukelt hat, er wäre Arzt, ist in Wirklichkeit aber nur Arzthelfer), sowie der Irrtum über die Einheit, die Unauflöslichkeit oder die Sakramentalität der Ehe.

Bei der Unfähigkeit der Person handelt es sich um Mängel in der Persönlichkeit, welche unabhängig vom freien Willen des Betroffenen sind. Zu ihnen sind zu rechnen: männliche oder weibliche (=Vaginismus) Impotenz, Fehlen des Vernunftgebrauch, schwerwiegender Mangel im Urteilsvermögen hinsichtlich der westlichen ehelichen Rechte und Pflichten (niemand kann sich zu etwas verpflichten, war er intellektuell nicht erfassen kann. Gründe  für solche schwerwiegende Mängel sind z. B. Alkohol oder Drogenabhängigkeit, psychische oder gefühlsmäßige Unreife...), psychisches Unvermögen der Erfüllung der westlichen ehelichen Pflichten wie z. B. der Aufbau einer tiefen zwischenmenschlichen Gemeinschaft der Eheleute (Gründe für ein solches Unvermögen können sein: Homosexualität, psycho-sexuelle Abweichungen, wie z.B. Nymphomanie, Sadismus, ..., schwere psychische Erkrankungen, wie z.B. Schizophrenie).

Bei den willentlichen Mängeln des Eheversprechens handelt es sich sozusagen um eine Vortäuschung falscher Tatsachen: jemand verspricht zwar äußerlich ein Ehe nach kirchlichem Verständnis einzugehen, schließt diese oder eines ihrer westlichen Elemente und Eigenschaften aber innerlich aus. Nichtig ist die Ehe durch den Ausschluss der Ehe selbst, der Treue (F. verspricht M zwar während der Zeremonie die Treue, hat aber innerlich keineswegs vor, das seit sechs Monaten bestehende Verhältnis mit H., einem Arbeitskollegen, aufzugeben), der Nachkommenschaft, des Sakramentes, der Einheit un der Unauflöslichkeit. Es ist hier zu bemerken, dass es sich bei einem solchen Ausschluss immer um einen positiven Willensakt handeln muss: so ist z.B. ein "Seitensprung" nach 3 Jahren Ehe nicht mit dem Ausschluss der Treue im Moment der Hochzeit gleichzusetzen.

Es sollte hier nur ein kurzer Einblick in die Vielfalt der Nichigkeitsgründe gegeben werden. Natürlich steht hinter jedem dieser Gründe eine ausgereifte Lehre.

Jeder Ehenichtigkeitsprozess muss wenigstens zwei Instanzen durchlaufen: In unserem Fall ist das Kirchengericht Luxemburg erste und jenes in Metz zweite Instanz. Nur im (seltenen) Fall, dass in Metz anders entschieden wurde als in Luxemburg, werden die Akten nach Rom an die sogenannte Rota gesandt, die dann als drittinstanzliches Gericht entscheidet. Ein weiteres Vorurteil gilt es auszuräumen: die von den Parteien zu tragenden Unkosten sind nicht sehr hoch, und im Falle einer bewiesenen ökonomischen Notsituation der Betroffenen werden sie gänzlich oder teilweise erlassen.

Zum Schluss ein Wort zum Ablauf des Prozesses: Nach einem Beratungsgespräch, stellt einer der Eheleute einen Antrag auf Überprüfung der Gültigkeit der Ehe mit Abgabe eines (oder mehrerer) Nichtigkeitsgründes. In diesem Schreiben benennt er ebenfalls Zeugen, die Auskunft über die Eheleute und die Ehe geben können. Wird das Gesuch angenommen, so wird zunächst die andere Partei um ihre Mitarbeit ersucht. Anschließend beginnt das Beweisverfahren. Beide Parteien machen ihre Aussagen, sowie jene der Zeugen, werden protokolliert. Im den Fällen von psychische bedingter Ehenichtigkeit, wird normalerweise das Gutachten eines Facharztes angefordert. Am Ende des Beweisverfahrens erhalten beide Parteien Einblick in die Akten und haben die Möglichkeit gegebenenfalls auf eine Aussage mit einem Gegenbeweis zu antworten. Sind beide Parteien mit dem Abschluss des Beweisverfahrens einverstanden, so verfasst der (nicht obligatorische) Anwalt der Klagepartei eine Schrift, in welcher er alle Argumente für die Nichtigkeit der Ehe darlegt, währendem der so genannte Ehebandverteidiger alle Argumente für die Gültigkeit der Ehe darlegt. Ist auch diese Phase abgeschlossen so wird das gesamte Dossier den 3 ausgewählten Richtern überstellt. Jedes dieser drei muss Grund der Akten eine moralische Gewissheit in Bezug auf die Nichtigkeit der Ehe erlangen. Entsteht in ihm keine moralische Gewissheit, so muss er automatisch für die Gültigkeit der Ehe eintreten. Zum vereinbarten Zeitpunkt treffen sich die 3 Richter und entscheiden mit Zweidrittelmehrheit über die Nichtigkeit der Ehe. Wird sich für die Nichtigkeit der Ehe entschieden, so werden die Akten automatisch an die zweite Instanz weitergeleitet. Im Falle einer Entscheidung für die Gültigkeit, muss der Kläger bei der zweiten Instanz Berufung einlegen. Anzumerken bleibt noch, dass der ganze Prozess anhand der Akten erfolgt, dass sich also die Parteien nicht vor dem Richter begegnen müssen. Auch geht es nicht um eine moralische Beurteilung von Handlungen und Personen, sondern lediglich um deren juristische Bedeutung für das Zustandekommen einer sakramentalen Ehe.

Ist die Ehe zweimal für ungültig erklärt worden, so ist der Weg frei für eine erneute kirchliche Trauung. Weitere Auskünfte können unter vollster Vertraulichkeit beim Auto dieses Artikels, sowie beim Kirchengericht Luxemburg (52, rue J. Wilhelm L-2728 Luxembourg. Tel. 436051-352) eingeholt werden.

Abbé Patrick Hubert